Text zur Ausstellung


fundamenta 1

Die Essenz

eine notwendige Kunstausstellung


So wie jeder Mensch eine Art „Atmosphäre“ ausstrahlt, so ist das auch mit der Kunst. In einem Bruchteil einer Sekunde ist es klar, ob einem die Kunst gefällt oder nicht. So ist das auch mit den Dingen. Etwas gefällt oder eben nicht. Die meisten Menschen sind sich da ziemlich sicher. Es gibt eine Art innerer Klarheit. Trotzdem ist es großartig, wenn wir plötzlich etwas sehen, was wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Vielleicht liegt das daran, dass wir den Raum, in dem diese vormals unbekannte Atmosphäre strahlt, noch nie betreten haben.

Sehen wir plötzlich Dinge, die wir vorher überhaupt nicht wahrgenommen haben, dann ist das ein ästhetisches Erlebnis. Das ist die Essenz der Kunst. Tatsächlich sind nicht die „Gedanken“ hinter der Kunst für die Qualität eines Kunstwerkes verantwortlich. Es ist die Kunst selbst. Es ist die Intensität, Komplexität und der Reichtum des Werkes. Nur ein reiches Werk hat viele und unergründliche Ebenen. Ganz groß wird es dann, wenn es zudem noch eine klare, ästhetische Wirkung hat. Das gilt besonders für Kunst, die rein äußerlich den Drang zur Reduzierung hat. Das trifft allerdings auf jede qualitativ hochwertige Kunst zu. Denn Reduzieren darf nicht bedeuten, dass etwas fehlt. Im Gegenteil: Auch die komplexen Bilderzählungen von Jens Wohlrab, Rebecca Reibke, Giorgio Casari, Luzian (Lothar) Gryczan oder Frank Pieperhoff streben zu einer klaren, ästhetischen Aussage. Reduzieren bedeutet einen wesentlichen Punkt zu finden: Die Essenz. Die Wege dahin sind unvorstellbar unterschiedlich.
Die klare Form
Die Werke von Christiane Conrad, Karl Menzen, Ellinor Euler und Claudio D´Ambrosio basieren augenscheinlich auf elementaren Grundprinzipien. Es dauert Jahre bis eine Künstlerin oder ein Künstler versteht oder jedenfalls ahnt: ein spezielles, formales Vorgehen könne der richtige Weg sein. Und gleichzeitig ist es alles andere als eine Festlegung. Denn es öffnen sich neue Bereiche und diese werden immer größer und tiefer. So ist die gespachtelte Farbe von Christiane Conrad alles andere als einfach nur Farbe mit dem Spachtel auf die Leinwand gespachtelt. Es ist ein authentischer künstlerischer Prozess mit beeindruckenden Resultaten. Die Farbe ist immer eine extrem emotionale Sache. Ja, was ist Farbe? Diese flüssige Emotion transportiert nun Christiane Conrad mit einer anderen, augenblicklichen Emotion auf die Leinwand. Es entstehen Spuren des Spachtels, die die Emotion eines Augenblicks festhalten und diese verwandeln in ein weites Feld der inneren Natur auf dem in immer neuer Weise das Licht spielt. Also es addieren und verschweißen sich viele emotionale Momente – für die es keine Worte gibt.
Bei Karl Menzen lässt sich schwer behaupten, er sei formal festgelegt: Linien werden zu Flächen, die Flächen bewegen und krümmen sich und werden zu Volumina – und plötzlich steht das gesamte Spektrum der Bildhauerei im Raum. Es ist ein sehr vielseitiges Werk: doch immer zu den essentiellen Formen zurückkommend und sie nicht aus dem Auge verlierend. Oder es spielen feine Linien, spinnen sich durch den Raum, werden zu Objekten, die dann ein Eigenleben bekommen wie bei Ellinor Euler. Oder Claudio D´Ambrosio reißt oder schneidet oder findet eine Form, wiederholt das gleiche noch einmal, so wie sich im Leben vieles ständig wiederholt. Innerhalb dieser Wiederholungen neue Facetten zu sehen und zu entdecken, ist ein schöner und lebendiger Aspekt unserer Wahrnehmung.
Tatsächlich ist ein Aspekt der Wahrnehmung: Wach zu sein und zu sehen. Denn wir als Betrachter erschaffen das Kunstwerk.
Der Gegenstand
In der gegenständlichen Kunst funktioniert das Sehen anders. Die Formen und Farben werden zu einem Gegenstand. Wir kennen ihn, die Malerei bildet den Gegenstand ab. Malerinnen wie Rebecca Reibke und Simone Haack malen aber nicht Gegenstände ab, sie erschaffen die Objekte und Figuren neu. Das Resultat ist eine unnachahmliche und kompromisslose Präsenz. Andere gehen mit dem Thema der Gegenstände anders um: Gegenstände lösen sich auf, der Raum wird zu einem Gegenstand, Dinge treten miteinander in Kontakt. Diese Sachen passieren in den Werken von Jens Wohlrab, Giorgio Casari, Frank Pieperhoff und Luzian (Lothar) Gryczan. Was sehen wir? – Das ist die richtige Frage.
Der Blick
Interessant sind auch andere Fragen. Zum Beispiel in welcher Position stehen wir als Betrachter. Bei den beiden Selbstportraits von Frank Pieperhoff „im Atelier“ werden die Rollen vertauscht. Das Publikum sieht aus der Perspektive der Leinwand den Künstler. Giorgio Casari eröffnet uns dramatische Innenwelten. Ein enormes Angebot an spielerisch-leichten Elementen macht uns zu visuellen Spielern. Bei längerer Betrachtung verwandelt sich das Spiel in eine beunruhigende und auch bedrohliche Situation. Unser Blick auf die Figuren von Simone Haack ist geführt von einer Intimität, die knapp die Grenzen überschreitet, denn diese Figuren wissen nicht, dass sie betrachtet werden. Wir scheinen so nah dran zu sein, dass wir meinen, die Haut zu spüren. Nicht so bei Rebecca Reibke. Hier sind wir als Betrachter nicht nur erkannt sondern geradezu entlarvt. Fast in jedem Werk trifft ein durchdringender Blick direkt den Betrachter. Das Geschehen im Bild wird durch diesen Blick geschützt. Ein Mensch oder Wesen hält uns als Publikum fern, wie eine Art Wächter. So gibt es immer zwei Richtungen des Sehens: Das Publikum sieht das Werk aber das Werk sieht auch das Publikum.
Das Subjekt
Diese beiden Richtungen in der Bewegung verkörpert prägnant das Werk Tatjana Schülkes -wenn auch in anderer Weise. Es gibt das Expansive nach außen gehende Kontaktsuchende aber auch das in sich zusammenziehende, sich selbst schützende. Skulptural ist es ein Wechselspiel von Körperhaftigkeit und Transparenz. Auch wird hier die Frage nach dem Gegenstand wieder spannend. Die Werke Tatjana Schülkes bilden keinen Gegenstand ab, sie werden zu einem „selbst seienden“ Gegenstand, einem neuen Objekt, welches eigentlich ein Subjekt ist.
Unzweifelhafte Subjekte sind die plastischen Arbeiten von Henry Stöcker. Diese Arbeiten basieren auf der klassischen Weise der Aufbauplastik: Die Figur entwickelt sich von innen nach außen. Innen das Skelett aus Stahl, außen der weiche Körper aus Gips. Henry Stöcker kommt aus der klassisch – modernen figurativen Plastik. Sein Werk spricht diesen direkten Prozess unmittelbar an. Es ist eine lustvolle Kommunikation von Formen, Positiv-und Negativvolumina, bis hin zu erotischen Andeutungen. Seine späteren noch stärker reduzierten reinen Stahlkonstruktionen strahlen eine starke archaische Präsenz aus, die auf der Jahrzehnte langen Verinnerlichung dieser Prozesse basiert.
Das Objekt
Das Thema Gegenstand ist ein Thema, welches sich bei den Objekten von Matthias Pabsch offenbart. Objekte mit dem Titel „Das Ding“, zwingen förmlich zu der Frage, was ist das für ein Ding. Das faszinierende daran ist: Das Ding ist eigentlich noch nicht einmal ein Ding. Es ist eher die Idee eines möglichen Dinges. Aber was ist es dann? Ich würde es so benennen: Es ist ein reines ästhetisches Objekt. Genauso könnte man sagen, es ist ein Gemälde aus rhythmischen Strukturen. Nur es ist eben dreidimensional und arbeitet mit unterschiedlichen Strukturen, Rhythmen und Materialien.
Ästhetische Objekte sind auch die ZEUGWERG – Objekte von Frank Pieperhoff. Diese wiederum wirken durch die Idee einer Funktionalität. Die Funktionalität wird durch die Titel der Werke und Werkgruppen direkt angegeben: Wegfinder, Situationsbestimmer, Raumverbinder oder Spielraumbegrenzer.

Die Erfinder
Matthias Pabsch und Frank Pieperhoff haben in ihrem künstlerischen Schaffen vieles gemeinsam. Zum einen sind es klare und auch innere kunsthistorische Bezüge, welche in unterschiedlichsten Weisen in die Werke einfließen. Der andere, wesentlichere Teil ist: Sie entwickeln neue und eigene formale Gestaltungsformen, die sie jederzeit in ihren unterschiedlichen Werkgruppen fortsetzen können.
Mattias Pabsch erfand eine neue, sehr eigene Form der Lichtmalerei, wie sie klassischer und elementarer nicht sein kann: die Skiagraphy. Einfache Formen werden mit den Mitteln der Fotografie belichtet: Hell – Dunkel, Schärfe – Unschärfe. Es handelt sich um analoge Belichtungen auf klassischem Barytpapier. Seine Werke teilen sich in diverse formale Gruppierungen: von einer malerischen Verwendung der Farbe bis hin zu raumbezogenen Sound- und Lichtobjekten. Matthias Pabsch schreibt sehr erfolgreich Bücher über Kunst und Städtebau und hat eine Professur an der Duke Univertity (USA).
Frank Pieperhoffs historischer Bezug ist insbesondere in der Malerei unübersehbar: wie bei Goya oder Rembrandt entwickeln sich die Farben einiger seiner Gemälde aus dem Dunkel heraus. Doch Figuren lösen sich auf oder sie transformieren sich. In ersten Werkgruppen nach seinem Studium wanderten die Figuren aus dem Bild heraus. Es entstand im Zusammenhang mit afrikanischen Bildhauern eine expressive, direkte Weise der Steinbildhauerei. Die Kernthematik „Figur und Raum“ vertiefte sich durch die skulpturale Arbeit und führte so zur Entwicklung der ZEUGWERK – Objekte. Frank Pieperhoff nutzt die Methoden der Moderne, um sie dann in eine komplexe neue Form, einer Art klassischen Kunst, zu verschweißen.
Die Poesie
Künstler wie Giorgio Casari und Lucian (Lothar) Gryczan verursachen unweigerlich poetische Assoziationen. Die sechs großen. ausgestellten Werke von Giorgio Casari sind eine Sensation. Sie sind das Ergebnis Jahrzehnte langer künstlerischer Forschung und zugleich die Schlüsselgruppe zu seinem nun zu großer Meisterschaft gereiften Werkes. Er zerschnitt einen großen Teil seines älteren Werkes und synthetisierte diese Elemente mit aktuellen Abstraktionen. Eine radikale Maßnahme. Das Kunsthaus Dosse Park präsentiert im Rahmen der fundamenta nun diese Weltpremiere.
Anders und eher grenzenlos ist das ineinanderfließende Werk von Lucian Gryczan. Keine Arbeit scheint ein Anfang oder Ende zu haben. Das einzelne Werk ist eher ein Moment. Und in diesem Moment tauchen frei assoziativ Figuren und Elemente auf, die vielschichtig miteinander verwoben sind.

Die Farbe
Jens Wohlrab und Christiane John gelingt es, Farbe zum Klingen zu bringen. Die Farbe löst sich vom Objekt und strahlt in den Raum hinein. So sind die Landschaften von Christiane John zugleich ein inneres Stimmungsbild. Anders und auf vielen Ebenen geht Jens Wohlrab mit der Farbe um. Die Farbe verwandelt Realitäten: aber egal was Jens Wohlrab auch malt: es ist ein Fest!
Eine andere Weise hat die sehr direkte und aktionistische Malerei von Kiddy Citny. Hier wird Farbe geworfen, mit großen Gesten geschlagen und die Figurationen folgen einer direkten Sprache. Die Mauerbilder von Kiddy Citny sind ein historischen Zeugnis. Es ist eine Art kultivierter Szene- und Undergroundmalerei der 80er Jahre. Dem Maler gelingt speziell in seinen späteren Werken, sowohl seine positive Naivität und seine Kraft mit unveränderter Direktheit zu leben.
Die Farbe und auch das Licht macht etwas mit uns Menschen, was Worte nicht können. Wir Künstlerinnen und Künstler können uns nur scheinbar aussuchen, welche Farbe wir möchten oder nicht. Wir müssen (manchmal qualvoll) herausfinden, welche Farben wirklich die richtigen sind. Wir müssen wach sein und sehen. Schließlich sind die Künstlerinnen und Künstler auch Betrachterinnen und Betrachter ihrer Werke. In diesem Sinn überprüfen wir unsere Werke immer wieder und sind dem Publikum sehr nah, nein, wir sind eine Teil davon.


Wittstocker Kabinett
Es war unser Anliegen, die interessante, lokale Kunstszene miteinzubeziehen. Die Kunst sollte nicht wie ein Fremdkörper in den Ort gesetzt werden. Sowohl die Stadt Wittstock/Dosse als auch das Ausstellungshaus, das A-Haus des Dosse Parks, sind historisch bemerkenswerte Orte. Wir versuchen im Wittstocker Kabinett die historische Tiefe wie mit einer Art Kaleidoskop spürbar zu machen.
Formal gebunden wird das Wittstocker Kabinett durch die 63 teilige Fotoreihe „Wittstocker Zeichen“. Diese Fotoreihe zeigt eine Art offenen Raum, in dem unterschiedliche Elemente und Bereiche aufeinandertreffen. Die Stadt Wittstock bildet eine hintergründige Kulisse. Das ist die Kernidee des „Wittstocker Kabinetts“: Diverse Dinge treffen zusammen und bilden eine Realität. Es ist zugegeben eine experimentelle Idee. Mit dieser Idee versuchen wir historisches Material und aktuelle künstlerische Positionen zusammenzubringen und damit eine Verzahnung mit der Region zu bilden.
Die Kreismuseen Alte Bischofsburg Wittstock stellen historische Fotos und Grafiken der Stadt Wittstock zur Verfügung. Auch werden einige historische Fotos des ehemaligen Invalidenhauses gezeigt. Die in Wittstock ansässige Malerin Sabine Ranft präsentiert Tier- und Menschenbilder. Sie erfüllen den Raum mit einem weichen und sanften Klang, der eine dramatischen Unterton hat. Von Rosel Müller ist ein Querschnitt ihres malerischen Werkes zu sehen und Jürgen Hauck zeigt eines seiner kinetischen Objekte. Direkt vor Ort hat die Künstlerin Ellinor Euler eine raumfüllende Installation realisiert.

Kunst
Die ausgestellte Kunst erzeugt eine intensive Gegenwärtigkeit. Es ist Gegenwartskunst. Diese Kunst ist präsent, agiert und kommuniziert mit- und untereinander – und schließt das Publikum in sehr vielfältiger Weise mit ein. Tatsächlich ist es eine lebendige Bestandsaufnahme von aktuellen künstlerischen Positionen, die fraglos fundiert sind. Die Richtung dieser Bestandsaufnahme ist unerwartet – unerwartet, weil der Begriff Gegenwartskunst mit konzeptueller Kunst gleichgesetzt wird. Mit der fundamenta wird der Versuch unternommen diesen Diskurs etwas weicher und flexibler zu machen.
In diesem Sinn ist es das Aufspüren und Freilegen eines zeitgemäßen Fundamentes. In der Kunst setzt es sich aus unzähligen Formen und Materialien zusammen Es dauert Jahre und Jahrzehnte bis ein Werk gereift ist – und die Künstlerin oder der Künstler innerlich selbst versteht, was die Essenz ihres oder seines Werkes im Kern ausmacht. Mit dieser ersten fundamenta versuche ich, dieser vertieften Weise des Kunstschaffens einen kraftvollen Raum zu geben.


Frank Pieperhoff, 2019